EKD-Auslandsbischöfin Bosse-Huber: „Heute sehen wir in Afghanistan, dass sich ein moralischer und militärischer Erfolg nicht verbinden lassen“

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© Sandra Grunewald

Brief von Bischöfin Petra Bosse-Huber an Generalminister und Kirchenpräsident John Dorhauer von der United Church of Christ (UCC) in den USA. Erinnerungen an die Anschläge vom 11. September 2001 sind nach 20 Jahren in den Kirchen der USA und in Deutschland lebendig

Hannover, Freitag, 10. September 2021.

Sehr geehrter Herr Kirchenpräsident Dr. Dorhauer, lieber John,

In Erinnerung an die furchtbaren Terroranschläge vom 11. September 2001, die koordinierten Flugzeugentführungen mit nachfolgenden Selbstmordattentaten auf symbolkräftige zivile und militärische Gebäude in den Vereinigten Staaten von Amerika, wende ich mich heute an Dich. Wie die meisten Menschen, erinnere ich mich an diesen Dienstag genau, wo ich war, ich war in Düsseldorf bei meiner Arbeit im Landeskirchenamt und schockiert von den Bildern und Berichten im Fernsehen. Meine Gedanken und Gebete gingen sofort auch zu den Menschen in den USA, mit denen wir in der Ökumene so eng verbunden sind.

In diesen Tagen erreichte mich ein Bericht Deines Amtsvorgängers, Generalminister und Präsident Rev. John H. Thomas, für den ich sehr dankbar bin, in dem er seine Erlebnisse um den 11. September 2001 schildert. Er war vor zwanzig Jahren zusammen mit Dr. Peter Makari in Deutschland, zunächst auch in meiner damaligen Dienststelle im Landeskirchenamt in Düsseldorf, dann in Ostdeutschland in Frankfurt (Oder). Dort hat er diesen historischen Dienstag erlebt. Sein ausführlicher Bericht bringt uns noch einmal vor Augen, wie tief Ihre Nation damals getroffen und verletzt wurde. Zugleich wird erkennbar, dass dieser Tag auch ein Scheideweg war. Viele Menschen in der UCC und mit ihr Christinnen und Christen anderer Konfessionen stimmten nicht ein in den Ruf nach Rache und Vergeltung. Viele Menschen in der UCC und mit ihr verbundene Kirchen ließen sich nicht hineinziehen in einen aggressiven und chauvinistischen Patriotismus. Zugleich bekennt John Thomas für seine Kirche auch, dass viele stumme Zeugen böser Taten gewesen seien. Die Theologie Dietrich Bonhoeffers und Reinhold Niebuhr, die uns in unserer Kirchengemeinschaft verbindet, schreibt uns eine andere Sprache vor und lebt uns vor, Zeuginnen und Zeugen, Propheten des Guten zu sein. Auch bei uns hat es eine breite Zustimmung zu den militärischen Reaktionen der westlichen Welt gegeben. Heute sehen wir in Afghanistan, dass sich ein moralischer und militärischer Erfolg nicht verbinden lassen.

Lieber John, unsere Fürbitten sind in diesen Tagen besonders bei Dir und den Menschen, die in den USA um Angehörige trauern, die sie im Zusammenhang der Anschläge verloren haben. Lass uns weiter gehen auf der Suche nach dem Weg des Friedens, den uns unser Herr Jesus Christus gewiesen hat. In seiner Nachfolge sind wir miteinander verbunden.
 

Petra Bosse-Huber

Bischöfin
Leiterin des Amtsbereichs der UEK im Kirchenamt der EKD
 

 

Dear General Minister and President Rev. Dr. Dorhauer, dear John,

Remembering the terrible terrorist attacks of September 11, 2001, the coordinated airplane hijackings followed by suicide bombings of iconic civilian and military buildings in the United States of America, I turn to you today. Like most people, I remember exactly where I was that Tuesday. I was working in Düsseldorf in the Landeskirchenamt and was shocked by the pictures and reports on television. My thoughts and prayers went immediately to the people in the USA with whom we are so closely connected in ecumenism.

These days I received a report from your predecessor, General Minister and President Rev. John H. Thomas, for which I am very grateful, in which he describes his experiences around September 11, 2001. Twenty years ago, he was visiting Germany together with Dr. Peter Makari, at first in my office in the Landeskirchenamt in Düsseldorf, then in East Germany in Frankfurt (Oder). It was there that he experienced that historic Tuesday. His detailed report is bringing home to us once again how deeply your nation was hit and hurt by that attack. It becomes apparent that this day took all of us to a crossroads. Many people in the UCC together with Christians of other denominations did not join in the call for revenge and retribution. Many people in the UCC and associated churches did not allow themselves to be drawn into an aggressive and chauvinistic patriotism. Nevertheless, John Thomas also confesses for his church that many have been silent witnesses to evil deeds. The theology of Dietrich Bonhoeffer and Reinhold Niebuhr, which unites us in our church fellowship, prescribes a different language and challenges us to be witnesses, prophets of good. We, too, have seen widespread approval of the military responses of the Western world. Today we see in Afghanistan that moral and military success cannot be achieved at the same time.

Dear John, our intercessions are especially with you these days and with the people who are grieving in the U.S. for loved ones they lost in connection with the attacks. Let us continue to search for the path of peace that our Lord Jesus Christ has urged us to pursue. In following him, we are united with one another.

Yours Sincerely,

 

Bishop Petra Bosse-Huber
Head of the Department of the Union of Evangelical Churches in
Germany (UEK) in the EKD